Interview mit dem BdF-Vorsitzenden Lüder Nobbmann zum Tag des Friedhofs am 19./20. September 2009
Angebot für die Übernahme als eigenes Interview in den jeweiligen Medien: Sinnerhaltende Kürzungen sowie das Weglassen einzelner Fragen- und Antwortblöcke sind selbstverständlich gestattet.
Der Tag des Friedhofs wird seit dem Jahr 2001 immer am dritten Septemberwochenende begangen. Lüder Nobbmann ist Vorsitzender des Bundes deutscher Friedhofsgärtner (BdF) im Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) mit Sitz in Berlin und Bonn. Er ist Inhaber einer Gärtnerei in Hüttenberg-Rechtenbach in der Nähe von Wetzlar und Gießen.
Herr Nobbmann, warum gibt es den Tag des Friedhofs?
„Wie mit dem Tag des Denkmals oder dem Tag des Baums geht es auch uns darum, Aufmerksamkeit für ein Kulturgut zu erwecken, welches im täglichen Geschehen nicht oder nur unzureichend wahrgenommen wird. Der Friedhof ist ein öffentlicher Ort. Dennoch wird das Thema gerne gemieden, erinnert es doch immer auch an die eigene Endlichkeit.“
Welche Organisation steckt hinter dem Tag des Friedhofs?
„Der Tag des Friedhofs ist nicht nur die Idee einer Organisation. Der Tag des Friedhofs geht zwar auf eine Idee des Bundes deutscher Friedhofsgärtner zurück, wird aber bereits seit Anfang an von den Verbänden der Bestatter, Steinmetzen, Floristen und Friedhofsverwalter mitgetragen. Der Tag des Friedhofs ist mittlerweile zu einer gesellschaftlichen Bewegung von unten geworden, so wie wir uns dies gewünscht haben. Ob Hospizverein, Kirchengemeinde oder lokale Arbeitskreise, Kulturschaffende und Trauerredner, sie alle sind heute Motor dieser Bewegung. In der einen Stadt ist es das Grünflächen- oder Friedhofsamt, von dem die Initiative ausgeht, in anderen sind es die Gewerbetreibenden oder die Kirchen.“
Was macht den Friedhof zu einem Kulturgut?
„Jedes Volk hat über die Jahrhunderte eigene Rituale zur Trauer und Erinnerung an Verstorbene entwickelt. Unsere Vorfahren haben sich für sehr schöne und naturnahe Bestattungsplätze entschieden, unsere blühenden und grünen Friedhöfe eben. So war es über Jahrhunderte Brauch, dass niemand namenlos beerdigt wurde. Umso mehr erschreckt es mich, wie viele Menschen in unserer aufgeklärten Zeit einfach so aus dem Leben schleichen. Ein Grabmal mit dem Namen und dem Geburts- und Sterbedatum und sei es noch so einfach aus Holz, ist ein unverzichtbarer Teil unserer Menschenwürde.“
Der Friedhof ist also ein Ort der Toten?
„Nein, der Friedhof ist ein Ort der Lebenden. Was zunächst paradox klingt, erschließt sich, wenn man bedenkt, wie wichtig es für Hinterbliebene ist, einen konkreten Ort für die Trauer zu haben. Im Laufe der Jahre wird dieser Ort dann zu einem Platz, an dem man sich mit Freude an gemeinsam Erlebtes erinnert. Andere nennen es Zwiesprache halten mit den geliebten Verstorbenen. Unsere blühenden und grünen Friedhöfe in Deutschland schaffen eine Atmosphäre, die uns dafür den Raum geben.“
Kann nicht auch ein Bild oder das Wohnzimmer ein solcher Ort der Erinnerung sein?
„Für jeden Menschen gibt es vieles, was an den Verstorbenen erinnert. Dennoch bleibt für mich das Grab auf dem Friedhof auch ein Ort für gemeinsame Trauer in großer Gemeinschaft von Familie und Freuden. Dies erleichtert den Weg in ein Leben nach der ersten großen Traurigkeit und dem Leben wieder positive Seiten abzugewinnen. Deshalb glaube ich auch, dass die von einigen geforderte allzu liberale Möglichkeit, eine Urne zu Hause aufzubewahren, nicht gut ist. Der Tod ist nun einmal keine ausschließliche Privatangelegenheit.“
Der Tod ist Ihrer Meinung nach also keine Privatangelegenheit?
„Nein, wie eben bereits angemerkt für mich natürlich nicht. So wie der Mensch ein soziales Wesen ist, dessen Kontakte sich nicht auf die enge Familie beschränken, so ist der Friedhof der Ort, an dem man gemeinsam Abschied nehmen, trauern und sich erinnern kann. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich beobachte, wie beim Besuch des Grabes des verstorbenen Ehemanns noch an den Gräbern von Nachbarn vorbeigegangen wird und auch dort nach dem Rechten gesehen wird. Und wenn man bedenkt, wie viele Anstrengungen man auch auf der Suche nach Vermissten, z.B. nach dem Tsunamiunglück zu Weihnachten 2004 unternommen hat, sind für mich Zeugnis dieser grundsätzlichen Einstellung der Menschen.“
Sie schildern den Bezug zum Friedhofsbesuch als sehr positiv: Wird die Grabpflege nicht oft als Last empfunden?
„Die bei weitem meisten Gräber in Deutschland werden von Hinterbliebenen selbst gepflegt. Natürlich kommt es immer mal vor, dass man das eine oder andere auch unter Zeitnot erledigen muss, aber viel häufiger ist zu sehen, dass sich die Angehörigen Zeit nehmen, zur Ruhe kommen und eben nicht nur einen Liebesdienst für die Verstorbenen verrichten, sondern auch etwas für sich selbst tun durch die Arbeit im großen Friedhofsgarten. Und wer die Grabpflege wirklich nicht mehr selbst erledigen kann, sei es, dass dies aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr möglich ist, sei es, dass die Entfernung zu groß ist, der kann sich – wie in vielen Bereichen unserer arbeitsteiligen Gesellschaft – eines Dritten bedienen. Dies sind sehr häufig ehemalige Freunde oder Nachbarn, kann aber auch der professionelle Friedhofsgärtner sein.“
Sind nicht pflegeleichte Bestattungsformen in Wäldern dann eine gute Alternative?
„Häufig werden diese Bestattungsformen gewählt, weil man sich hier eine neue Freiheit verspricht. Eine Freiheit, bei der es keine einengenden Friedhofsordnungen gibt und bei der die Last der Grabpflege vermieden wird. Vergessen wird dabei, dass diese Freiheit bedeutet, etwas nicht tun zu dürfen. Es dürfen keine Grabmale aufgestellt, es können wegen der Brandgefahr keine Kerzen aufgestellt und es dürfen keine Blumen abgelegt werden. Zu häufig wird auch vergessen, dass die Mobilität im Alter abnimmt. Im Winter oder bei aufgeweichten unbefestigten Wegen wird es mit 80, 90 oder sogar 100 Jahren nahezu unmöglich, den Beisetzungsort – Grab mag ich diese Form nicht nennen – zu erreichen. Wenn die Naturnähe die Entscheidungsgrundlage ist, sollte bedacht werden: Wo finden sich schönere Bäume, mehr Grün und damit biologische Vielfalt als auf einem Friedhof? Der Friedhof bietet den Rahmen für eine Vielfalt an Bestattungsformen.“
Der Friedhof ist also ein Naturpark?
„Ja, ohne Friedhöfe würden unsere Städte erheblich ärmer sein. Untersuchungen in Dresden haben ergeben, dass Friedhöfe zu den wertvollsten innerstädtischen Grünflächen gehören. Insofern sage ich mit Selbstbewusstsein: Friedhöfe sind als Orte der Trauer immer auch grüne und blühende Oasen in der Stadt. Viele Kindergärten besuchen für die erste Naturerziehung Friedhöfe, beobachten dort Eichhörnchen, sammeln Blätter in großer Vielfalt oder entdecken Farben- und Formenvielfalt. Und so ganz nebenbei wird Kultur anhand historischer Grabmale, Kapellen und Kreuze und ein mindestens zweitausendjähriger religiöser Hintergrund erlebbar.“
Herr Nobbmann, historische Grabstätten werden häufig von den Friedhofsbesuchern nicht als solche erkannt.
„Das sehe ich anders, denn in vielen Städten engagieren sich Bürger für den Erhalt solcher Grabanlagen, dokumentieren sie doch häufig auf eindrucksvolle Weise die Stadtgeschichte. Straßennamen in der eigenen Gemeinde werden dann auf einmal lebendig und erhalten einen Bezug zur eigenen Geschichte. Friedhöfe sind deshalb auch ein wichtiges touristisches Ziel in den Städten. Die Pyramiden in Ägypten sind als Gräber entstanden. Doch auch viele Parkfriedhöfe der Jahrhundertwende beherbergen historische Kleinode. Sie entwickeln ihren ganzen Charme nur als Zusammenspiel zwischen Pflanze und Grabstein. Dies alles wird am Tag des Friedhofs einer oft erstaunten Öffentlichkeit gezeigt, die den Friedhof für sich auf eine andere Art und Weise erlebt.“
Herr Nobbmann, wir danken für dieses Gespräch.
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Lüder Nobbmann, Vorsitzender Bund deutscher Friedhofsgärtner. Quelle: BdF, Bonn
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