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Interview mit dem BdF-Vorsitzenden Lüder Nobbmann zum Tag des Friedhofs am 18./19. September 2010

Angebot für die Übernahme als eigenes Interview in den jeweiligen Medien: Sinnerhaltende Kürzungen sowie das Weglassen einzelner Fragen- und Antwortblöcke sind selbstverständlich gestattet.

Lüder Nobbmann
Lüder Nobbmann
Der Tag des Friedhofs wird seit dem Jahr 2001 immer am dritten Septemberwochenende begangen. Lüder Nobbmann ist Vorsitzender des Bundes deutscher Friedhofsgärtner (BdF) im Zentralverband Gartenbau e.V. (ZVG) mit Sitz in Berlin und Bonn. Er ist Inhaber einer Gärtnerei in Hüttenberg-Rechtenbach in der Nähe von Wetzlar und Gießen.

Frage: Das Thema "Formen, Farben, Vielfalt - Es lebe der Friedhof!" ist ein eher ungewöhnlicher Titel für Veranstaltungen, die auf dem Friedhof stattfinden?!
Antwort: Ja, das ist richtig. Es wird ein Widerspruch hergestellt zwischen dem gängigen Bild eines Friedhofs, das viele Menschen im Kopf haben und den aktuellen Entwicklungen. Auf Friedhöfen findet nämlich ein sehr facettenreiches Leben statt.

Frage: Auf dem Friedhof sind doch nur die Toten?
Antwort: Gerade so ist es eben nicht. Der Friedhof ist natürlich in erster Linie der Ort, an dem wir unsere Verstorbenen bestatten. Sie bekommen damit einen letzten Ort der Ruhe. Aber der Friedhof ist ebenso ein Ort der Lebenden. Denn die Hinterbliebenen sind es, die diesen Ort brauchen und nutzen, um ihre Trauer zu verarbeiten.

Frage: Da gibt es doch heute ganz andere Möglichkeiten, z.B. den Bestattungswald oder sogar Forderungen, die Urne zu Hause aufzubewahren.
Antwort: Diese Alternativen sind sehr kurzsichtig, denn sie berücksichtigen nicht, dass die Hinterbliebenen mit dem Tod ihrer Lieben weiterleben müssen. Und das heißt, sie sollten auch räumlich den letzten Ruheort ihres Verstorbenen von ihrem "neuen" Leben trennen - sonst werden sie nie die Balance für ihr weiteres Leben finden. Habe ich ständig die Urne meines Verstorbenen bei mir im Wohnzimmerschrank oder trage sogar einen Diamantring aus der Asche des Verstorbenen an meinem Finger, wird der Hinterbliebene diese Trennung nicht schaffen. Es muss Orte der Besinnung und Orte des Weiterlebens geben. Und die Bestattungswälder haben einen anderen entscheidenden Nachteil: Hier dürfen die Hinterbliebenen nicht das tun, was sie in ihrer Trauer gerne tun möchten, wie z.B. Blumen und kleine Geschenke mitbringen, am Grab arbeiten, einfach etwas für den Verstorbenen tun. All das ist nicht erlaubt. Hinzu kommt, dass die Bestattungswälder vor allem für ältere Menschen sehr schlecht zu erreichen sind und auch auf dem Gelände das Laufen äußerst beschwerlich ist. Viele ältere Menschen würden ja auch sonst nicht auf die Idee kommen, eine längere Waldwanderung bei Wind und Wetter zu unternehmen. Wenn sie aber das Bedürfnis haben, ihre Verstorbenen zu besuchen, dann müssen sie diese Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen.

Frage: Zurück zum Tag des Friedhofs - wie kann das Motto umgesetzt werden?
Antwort: Das Motto "Formen, Farben, Vielfalt - Es lebe der Friedhof!" fordert die Veranstalter auf, den Friedhof in seiner ganzen modernen Vielfalt zu zeigen. Der Friedhof ist nicht nur ein Ort der älteren Menschen, sondern ebenso auch einer der jüngeren, ja sogar der Kinder. Wir suchen einen spielerischen Einstieg in eine Thematik, die jeden Menschen in jedem Alter plötzlich treffen kann. Wir wollen deutlich machen, dass der Friedhof auch ein wichtiger gesellschaftlicher Ort ist, denn der Tod gehört zum Leben. Er ist aber ein kultureller und historischer Ort, der viel über die Geschichte einer Stadt oder Region zu erzählen hat. Und er ist ein Ort der Natur, ein Ort der Ruhe und Rückzugsraum für besondere Pflanzen und Tiere - gerade in Großstädten bilden die Friedhöfe oftmals die einzigen Grünanlagen.

Frage: "Es lebe der Friedhof!" kann schnell missverstanden werden.
Antwort: Der Titel, der auch gleichzeitig ein Aufruf ist, stammt aus unserer aktuellen Kampagne, die dieses Motto trägt. Wir wollen damit eine gesamtgesellschaftliche Auseinandersetzung in Gang setzen. Wir sind uns bewusst, dass wir so auch eine kritische Diskussion eröffnen. Aber das schreckt uns nicht ab, denn wir müssen auch über den Tod und die Friedhöfe öffentlich sprechen. Die Friedhöfe und das individuelle Grab erfüllen wichtige Aufgaben in der Trauerarbeit. Viele Menschen machen sich dies im Alltag gar nicht mehr bewusst. Und das wollen wir ändern. Erst die Reflektion dieser Themen kann zu einer verantwortungsvollen Entscheidung im Ernstfall führen.

Frage: Und welchen Beitrag leistet hierbei der Tag des Friedhofs?
Antwort: Der Tag des Friedhofs hat sich in den letzten zehn Jahren in vielen Städten und Gemeinden am dritten Septemberwochenende als fester Termin etabliert. Mit einem bunten Informations- und Kulturprogramm nehmen wir den Friedhöfen ihren Schrecken. Wir laden ein, den Friedhof zu besuchen, auch wenn man dort nicht das Grab eines Verstorbenen hat. Wir laden Familien dazu ein, gemeinsam den Friedhof und seine Geschichte zu erkunden. Und wir laden ein, die modernen Angebote des Friedhofs kennen zu lernen. Und die sind oft sehr vielfältig: Da gibt es ein Trauercafé, hier einen Trauergarten, dort werden regelmäßig Führungen und Ausstellungen angeboten oder ein Informationszentrum wird eröffnet. Wir sind sicher, dass auch in diesem Jahr wieder viele Besucher von der Vielfalt eines wichtigen Kulturgutes - dem Friedhof - begeistert sein werden.

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Lüder Nobbmann, Vorsitzender Bund deutscher Friedhofsgärtner. Quelle: BdF, Bonn

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